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Forschung und Praxis

Schwerpunkt: Juckreiz Wen juckt's?


    Der kleine Bruder des Schmerzes


    Wenn eine alte Narbe kitzelt, deutet dies der Volksglaube als Anzeichen eines bevorstehenden Wetterumschwungs. Ein Prickeln der Hand soll auf künftige Geldeinnahmen verweisen, und wer die Nase kratzen muß, hat schlechte Neuigkeiten zu erwarten. Aus psychologischer Sicht wird das Hautjucken oft als Ausdruck seelischer Erregungen, insbesondere nicht gestillter Gelüste, gewertet. Den Ärzten gilt dagegen der von ihnen so genannte Pruritus hauptsächlich als Symtom körperlicher Erkrankungen. Wie es zustande kommt, ist jedoch auch naturwissen-schaftlich nicht immer genau zu erklären.


    Es kribbelt und krabbelt, als würden da Ameisen oder ähnliche insektenhafte Wesen wimmeln. Mal beschränken sich die unsichtbaren Quälgeister auf einzelne Stellen, mal treiben sie ihr Unwesen überall. Obwohl das Jucken nicht richtig weh tut, wird es für viele zur Tortur. Mancher möchte aus der Haut fahren, so unerträglich ist die wuselige Anspannung. Er brennt darauf, sich durch Kratzen wenigstens vorübergehend Linderung zu verschaffen. So wird er vielleicht wieder vergnügt, was ja umgangssprachlich "aufgekratzt" heißt. Je häufiger und heftiger sich jemand zu der handgreiflichen Abhilfe hinreißen läßt, desto empfindlicher reagiert aber die dabei erst recht gereizte Haut. Die Manipulation, die das Übel beseitigen soll, macht es dann nur noch schlimmer. Zu spüren ist die unangenehme Empfindung lediglich an der Oberhaut und den Schleimhäuten des Auges, der Nase oder im Rachen. Die nicht unmit-telbar mit der Umwelt in Kontakt tretenden Körperteile, zum Beispiel Muskeln, Gelenke oder Eingeweide, können zwar schmerzen, doch sie jucken nicht.


    Wie ein Floh im Kopf
    Materielle Anlässe liefern dem Pruritus sowohl dermatologische als auch internistische Krankheiten. Zu letzteren ge-hören etwa chronische Leber- und Nierenleiden, Diabetes mellitus oder bösartige Wucherungen der Lymphknoten. In diesen Fällen sind nicht allein die offenkundig angegriffenen Hautbezirke betroffen, sondern der Juckreiz tritt meist generalisiert auf. Findet man weder äußere Veränd-rungen wie bei Ekzemen, Pilz- oder Parasitenbefall, noch Beeinträchtigungen innerer Organe, die sich auf die Epidermis auswirken können, diagnostizieren die Ärzte einen "Pruritus sine materia". Warum es dennoch juckt, wird allerdings mit der gelehrten Umschreibung mehr verdunkelt als erhellt. Die Irritation muß hier direkt im Zentralnervensystem (ZNS) entstehen, während sonst bestimmte Reize an der Körperoberfläche spezialisierte Nervenzellen erregen, die daraufhin elektrische Impulse zum Gehirn funken. Diese werden "oben" verarbeitet, bis wir die objektive Botschaft auch subjektiv, also in Bezug auf Erfahrenes und Gelerntes wahrnehmen. Die von der Haut ausgehende Sinnesempfindung hat einen sofort einleuchtenden Sinn, da sie Schäden unserer Schutzhülle oder eine deren Funktion in Mitleidenschaft ziehende Störung anderer Lebensvorgänge anzeigt. Fehlen freilich solche Nachrichten aus der Peripherie, ist schwer verständlich, was uns die scheinbar ohne Grund aufgestachelte Haut mitteilen will. "Über das zentrale Jucken wissen wir noch sehr wenig", gesteht Prof. Dr. Hermann Handwerker vom Institut für Physiologie und Biokybernetik der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist die rare Ausnahme von der Regel, daß der Pruritus trotz seiner weiten Verbreitung bei der Grundlagenforschung auf geringes Interesse stößt.
     Früher stand es so im Lehrbuch: Psoriasis juckt nicht! Als sei dies wissenschaftlich bewiesen, nichts als die reine Wahrheit, immer und für alle.
    Dr. Hermann M/ffemeyer äußerte sich in seinem Leserbrief zu einer Meldung der Süddeutschen Zeitung am 13.12.1989 schon etwas vorsichtiger: Völlig ausgeschlossen sei Juckreiz bei Schuppenflechte zwar nicht, "doch gehört er zu den Symptomen mit Seltenheitswert." Der pensionierte Chefarzt aus Krailling bei München berief sich darauf, daß er nicht nur ein "Mann vom Fach", sondern auch Betroffener sei. Zahlreiche "Laien" wagten ihm dennoch zu widersprechen Seitdem gibt es weitere Stellungnahmen. Die von persönlicher Erfahrung geprägten Überzeugungen und die Meinungen, die medizinische Experten als Hypothesen formulieren, decken sich oft nicht.


    Nerven strecken Fühler aus
    Jeder hat es schon am eigenen Leib erfahren: Außer Berührung, Druck oder Erschütterung, Temperaturschwan-kungen und Schmerzen registriert unsere Haut allerlei Reize, die wir als Jucken kennzeichnen. Bei den dafür geeig-neten Empfangseinrichtungen (Rezeptoren) handelt es sich um freie Nervenendigungen, die gleichsam die Fühler ausstrecken, um gewisse physikalische oder chemische Einflüsse in elektrische Signale umzuwandeln.
    So wird eine Art Abbildung des jeweiligen Reizes von diesen hauchdünnen Fädchen im Gewebe über das Rückenmark und sensible Kerne im Zwischenhirn, Thalamus genannt, zur Großhirn-rinde gebracht. Ist die Information auf diesem Weg ausgewertet, kann der Organismus entsprechend darauf antworten.
    Die für die Juckempfindung zuständigen Nervenfasern sind zumindest teilweise identisch mit denen, die auch wichtige Komponenten des Schmerzes vermitteln. Nach einem Nadelstich in die Haut übertragen feinste markhaltige Fasern schnell den als "hell" eingestuften "ersten Schmerz". Man kann ihn gut lokalisieren im Gegensatz zu seinem Nachfolger, der eher diffus und von "dumpfer" Qualität ist. Beispielsweise durch Quetschung auslösbar, hält der wahrscheinlich mittels markloser Fasern gemeldete "zweite Schmerz" zudem länger an.
    Über beide Bahnen, so faßt Prof. Handwerker, bisherigen Kenntnisse zusammen, können uns offenbar die zum Jucken führenden Reize erreichen. Bei einigen hängt es nur von der Stärke ab, ob es bloß "bitzelt" oder bereits weh tut. Wird die Schmerzleitung im Vorderseitenstrang des Rückenmarks unterbrochen, fällt zugleich die Juckempfindung weg. Andererseits ist es möglich, diese experimentell zu erzeugen, ohne daß sie von Schmerz be-gleitet wird, und der läßt sich umgekehrt in allen Graden allein provozieren.
    Der Erlanger Experte betrachtet die zwei Hautsinne als "verwandte Systeme". Ihre seit langem vermutete Koppelung bestätigen Befunde der modernen Biologie: In den zur Reizaufnahme bereiten Nervenausläufern, werden manche der dort gebildeten Neuropeptide gemeinsam genutzt, etwa Substanz P, eine bisher vor allem als Überträger der Schmerzsignale bekannte Eiweißverbindung.
    Das Kommunikationsnetz mag das gleiche sein, der Computer des ZNS kann die Daten doch "vernünftig" sortieren. Wie dies im einzelnen geschieht, bleibt vorerst ein Geheimnis der Natur. Gleichwohl kommt uns das eingefleischte Programm zugute, wenn wir Zeichen, die das Gehirn eigentlich dem Jucken zuordnet, quasi verdecken, indem beim Kratzen oder Scheuern der Schwellenwert für leichte Schmerzreize überschritten und damit die konkurrierende Empfindung gehemmt wird.


    Chemische Kitzelstoffe
    Eine wesentliche Rolle spielt das Histamin. In die Haut gespritzt, ruft es starkes Jucken hervor. Brennesselblätter und die Fangarme der Quallen sind ebenfalls damit ausgestattet, weshalb ihre Berührung fühlbar Spuren hinterläßt. Im menschlichen Organismus wird Histamin vor allem von Mastzellen gespeichert, die es neben weiteren biochemischen Botschaftern (zum Beispiel Serotonin) bevorzugt während der binnen Sekunden bis Minuten auftretenden Al-lergien freisetzen.
    Bei einem solchen Sofortyp der Abwehrmaßnahmen identifizieren weiße Blutzellen die als Antigene wirkenden Substanzen und bekämpfen sie mit spezifischen Antikörpern, nämlich Immunglobulinen der Klasse E. Für die dadurch in Gang gesetzte Überempfindlichkeitsreaktion hat sich der Sammelbegriff Atopie (griechisch: atopia = Seltsamkeit) eingebürgert. Zu den klinischen Erscheinungsformen zählen Ka-tarrh der Nasenschleimhaut, Nesselausschlag (Urtikaria) und Neurodermitis. Auch andere immunologisch bedingte Entzündungen können den Anstoß geben, daß die Mastzellen ver-stärkt Histamin ausschütten. Dazu tragen gewisse Komplementfaktoren bei, die als Ergänzung (lateinisch: complementum) der Antikörper oder ohne sie eingedrungene Fremdstoffe inaktivieren.
    Desgleichen vermag die Untergrup-pe PGF2 alpha der Prostaglandine die zellulären Histaminvorräte zu plündern. Eine Vorstufe dieser entzündungsfördernden Gewebshormone ist die in psoriatischer Haut abnorm vermehrte Arachidonsäure.
    Damit nicht genug: Etliche Pharmaka, etwa Morphin, Narkose- und Röntgenkontrastmittel, locken den körpereigenen Wirkstoff genauso hervor wie eiweißspaltende Enzyme, die als Folge eines in Unordnung geratenen Stoff-wechsels bei inneren Erkrankungen den Mastzellen zusetzen können.
    Was auch immer den Histamingehalt in der Haut erhöht - dies scheint unerläßlich zusein für die Reizung der Ner-venfasern, die das Jucken übermitteln. Möglicherweise hat der Kitzelstoff noch Komplizen. Dessen ungeachtet reicht es oft, Histamin durch medikamentöse Gegenspieler von den Rezeptoren zu verdrängen, über die es seine Wirkungen entfaltet. Weil diese selbst im Fall der mit H 1 markierten Strukturen, die beim Pruritus alarmiert werden, so vielfältig sind, unterbindet allerdings keines der verfügbaren Präparate gezielt nur den Juckreiz. Sämtliche dazu empfohlenen Mittel haben mehr oder weniger ausgeprägte Nebeneffekte, die man vor einer Einnahme im Verhältnis zum Nut-zen abwägen sollte.


    Mit Haut und Hirn
    Die meisten der HI-Rezeptoren blokkierenden Antihistaminika beruhigen und machen müde. Das kann durchaus erwünscht sein. Denn zumal bei Neurodermitis läßt sich die atopisch sprießende Haut, die sozusagen in juckende Knötchen "ausartet", kaum mäßigen, ohne die geistige Überreiztheit zu dämpfen. Daß dies den pharmakologischen Widersachern des Histamins ge-wöhnlich gelingt, verwundert insofern nicht, als die Mittlersubstanz besonders reichlich im Hypothalamus vorkommt, einer Region des Stammhirns, die das Steuerzentrum für alle hormonel und über das vegetative Nervensystem regulierten Organfunktionen darstellt. Sie unterhält obendrein enge Wechselbe-ziehungen zum limbischen System, das mit Lernprozessen verknüpft ist, das Wach-Schlaf-Verhalten beeinflußt und last not least unser Gefühlsleben lenkt.
    Vor diesem Hintergrund ist es vorstellbar, daß sich auch die seelische Verfassung als Juckreiz äußert, unabhängig davon, ob es der real existierende Status der Haut erzwingt oder dem individuellen Ermessen anheimgibt. Prof. Dr. Dr. Klaus Bosse von der Universitäts-Hautklinik Göttingen berichtet, nicht selten würden Patienten mit endogenem Ekzem bzw. Neurodermitis atopica in schwierigen Gesprächssituationen, sobald ihnen der Arzt zu rigoros auf die Pelle rückt, zu kratzen anfangen.
    Der Psychiater Dr. Alfred J. Ziegler, Dozent am C. G. Jung-lnstitut in Küsnacht bei Zürich, deckte bei solchen peinigenden Ausschlägen einen Konflikt zwischen Berührungsfurcht und Wünschen nach verschwörerischer Nähe auf.
    Niedergeschlagene Menschen neigen zum Grübeln, vergraben sich immer mehr in ihre düstere Stimmung. Auf der Suche nach einem Lichtblick stochern sie vergeblich herum. Als typisches Merkmal einer "larvierten", das heißt hinter körperlichen Masken verborgenen Depression bietet der Pruritus immerhin die Chance, den inneren Druck nach außen zu verlagern. Das kann eine Entlastung für die Bedrückten sein, droht sie doch ihre emotionale Isolation zur Verzweiflung zu treiben. Und sich kratzend, protestieren sie vieleicht unbewußt gegen allzu kratzbürstige, also unfreundliche Mitmenschen.
    So plausibel sich derlei Zusammenhänge dem aufmerksamen Zuhörer erschließen, so dürftig sind vorerst die neurophysiologischen Belege. Doch wer sich juckend seiner Haut wehren muß, wird in der Sprechstunde eines psychosomatisch "aufgeklärten" Dermatologen sicherlich besser verstanden als im Labor.